Wuerde ich ein Buch mit autobiographischen Zuegen schreiben, dann haette es wohl den Titel “Wie soll denn Schluss mit lustig sein, wenn es nie wirklich lustig war”. Es gibt wenig wenig Grund zur Annahme, dass ich veroeffentlicht wuerde. Es wuerde an sinnvoller Handlung mangeln. Von einem Helden ganz zu schweigen. Selbst ein sympathischer Antiheld liese sich nur schwer aus dem Stoff konstruieren.
Brauchbar waere allemal die Szenerie. TEL AVIV.
Eine ungewoehnliche Stadt in einem bemerkenswerten Land. Wer mich einmal besucht hat, wird diesen Eindruck sicher teilen. Ich bin mir des Besonderen selbst nicht immer bewusst, da viele meiner Tage unter der Last der Lohnarbeit im Krankenhaus leiden. Meine freie Zeit ist von der Trivialitaet der Alltagsbesorgung gepraegt.
Da es sich jedoch immer wieder ergibt, meine Wahlheimat durch die Augen anderer zu betrachten, steht mir ein breiter Fundus an Eindruecken bereit, an denen ich eigene Reflektionen aufhaengen kann, ohne mich intellektuell uebermaessig verausgaben zu muessen.
Vor allem sind es die Eindruecke meiner zahlreichen BesucherInnen, die sich mit der Stadt, die ich inzwischen sehr gut kenne, zum ersten Mal bekannt machen. Dazu kommen im Zuge der juengsten Ereignisse die zahlreichen Artikel ueber Tel Aviv.
Was keinem geneigten oder auch kritikbereiten Besuch entgeht, ist die Lebensfreude. Sie draengt sich geradezu auf. In der iraelkritischen Journaille heisst es dann “bubble town”. Pulsierende Mittelmeermetropole in der nuechternen Betrachtung. 
Manchmal befaellt mich das Gefuehl hier im Grenzbereich zwischen Grossstadtrealitaet und einer avantgardistischen Inszinierung zu leben. Der alternative Schick, der sich in den unzaehligen angesagten Cafes, sowie durch die darin verkehrenden Menschen ausdrueckt, ist spannend. Eine Cappuchino-Metropole, deren Kreativitaet unerschoepflich scheint und meist stilsicheren Ausdruck findet. Pasend dazu die beeindruckende Bauhaus-Architektur, die einen geradezu perfekten Rahmen liefert. Atemberaubend auch der Stand.
Zehntausende feiern auf der gay-parade, zehntausende finden sich zur Oper im Park ein. Tausende tanzen jedes Wochenende auf hochklassigen Elektro-Partys durch. Die Bars in den Szenevierteln der Stadt sind jeden Abend bis spaet in die Nacht gefuellt. Ausgehen ist ab 12 und das Wtter spielt sowieso immer mit.
Das Tel Aviv Museum of Art ist vom feinsten.
Sportfreunde kommen in der Nokia-Arena bei Maccabi Tel Aviv auf ihre Kosten. Eines der Spitzenteams im europaeischen Vereinsbasketball.
Doch ist das nur ein Ausschnitt. Wenn auch derjenige, der sich vor- und aufdraengt.
Als Jemand, der sein taegliches Leben hier bestreiten muss, kenne ich auch die orientalische Seite der Stadt. Die maerkte mit ihrem flair aus 1001 Nacht und die etwas rauhere Peripherie. Als jemandder seinen Lebensunterhalt hier bestreitet, kenne ich Tel Aviv auch als Schmelztiegel, wie er sich v.a. auf Arbeit offenbart. Die meisten meiner KollegInnen kommen aus der Metropolenregion, da Tel Aviv selbst sehr teuer ist. Aber eigentlich kommen sie aus Marokko, Russland, der Ukraine, Georgien, Kasachstan, Aethiopien, Rumaenien, dem Irak,… ein Multiklti, bei dem den Veteranen soziokultureller Zentren ganz anders werden wuerde. Und um es gleich zu betonen, sei gesagt, dass auf Station Juden und Araber nicht nur als Patienten gleichberechtigt behandelt werden, sondern auch im Team Hand in Hand arbeiten. Da wird jeder Apartheitsvorwurf ad absurdum gefuehrt.
Bei den letzten Kommunalwahlen hat der kommunistische Buergermeisterkandidat ein Drittel der Stimmen bekommen.
Dann das tausende jahre alte Yafo. Mein Quartier. Juedisch-arabisches Nebeneinander in meiner Strasse. Ich kaufe im arabischen Supermarkt und in der arabischen Baeckerei. Ich kaufe im juedischen Spirituosenladen und im juedischen Deli.