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Prozessorientiert

“Man muss nur wollen”. Von allen Opiaten, die ein verkehrtes Bewusstsein zu einer falschen Wirklichkeit liefern, stellt der Aufruf, es nur wollen zu muessen, sicher das potenteste Crack.

Schauen sie auf mich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man es mehr
wollen kann als ich es will. Ich will teuren Rotwein trinken und nur vom Besten essen. Ich will hin- und herjetten u.v.m. Doch offensichtlich reicht mein Wollen nicht aus. Als Sozialarbeiter hab ich mich im Jugendhaus mit Jugendlichen herumgeaergert, die auf den Boden rotzen, als Tellerwaescher mit dreckigem Geschirr und im Krankenhaus mit dem Scheiss, der bei der Pflege an- bzw. durchfaellt. Ich gebe die Hoffnung auf einen ploetzlichen Ausweg aus der Misere aber nicht auf.

Zwar bin ich zu sehr Marxist, um wirklich der Annahme verfallen zu koennen, dass letztlich doch das Bewusstsein das Sein bestimmen koennte. Allerdings habe ich auch Augen um zu sehen, dass der allumfasende Verwertungszwang nicht ausschliesst, dass sich hochsubventionierte Betaetigungsmoeglichkeiten bilden, die keiner Produktivitaet verpflichtet sind. Wie die Nahost-Diplomatie.

Ich will Nahost-Diplomat sein. In einem Buero in Jerusalem sitzen und den ganzen Tag Zeitung lesen und auf Mittags- und Abendessen von Amman bis Riad eingeladen sein. Unter keinem Druck stehen, irgendetwas erreichen zu muessen, nichts zu erreichen und meine Taetigkeit trotzdem immer wieder als einzig richtigen Ansatz zur Loesung des Nahostkonflikts bestaetigt zu bekommen. Den bereits jahrzehntelang anhaltenden “Friedensprozess” stuetzen, indem ich immer wieder seine “Fortsetzung” fordern wuerde.

In Bezug auf den “israelisch-palaestinensischen Dauerkonflikt” wuerde ich den Israelis ohne Unterlass “schmerzhafte Konzessionen” abfordern. Den Palaestinensern im Gegenzug eine “Abkehr vom Terror”. Pro Forma jedenfalls. Da die palaestinensichen Ohren sich seit je her taub gegen diese Forderungen stellen, wuerde ich den Israelis um so mehr Entgegenkommen abverlangen. Irgendwas sind die immer bereit zu geben. In ihrer grenzenlosen Annahme, irgendwann auch mal etwas als Gegenleistung zu bekommen. Wenn sie nicht genuegend Entgegenkommen zeigen, wuerde ich sofort Alarm schlagen und davor warnen, dass der diplomatische Prozess “ins Stocken geraet”.

Ich wuerde dabei geflissentlich darueber hinwegsehen, dass die Palaestinenser immer gleich nach der ganzen Baeckerei verlangen, wenn ihnen ein Stueck vom Kuchen angeboten wird. Ich wuerde unbeirrt damit fortfahren, Israel dazu zu draengen “moderate” Kraefte zu staerken und alle anderen als “Gespraechspartner” zu akzeptieren. Die Zionisten in die Pflicht nehmen nach der erfolgreichen Schaffung eines juedischen Staates auch einem palaestinensischen Staat auf die Beine zu helfen. Ich wuerde davon absehen, dass die vom palaestinensichen Volk gewahlten Akteure der Hamas das “zionistische Gebilde”  ins ertraeumte palaestinensische Reich holen wollen.

Ich wuerde in Zeitungsinterviews davor warnen, die Palaesinenser in die Arme von Extremisten zu treiben.
Ich wuerde bei UN vorsprechen und beim Quartett und mich mit den vielen Aussenministern treffen, die hier dutzende Male waeherend einer Amtszeit reinchecken, um diplomatische Loesungen voranzutreiben. Ich wuerde im Dienst unzaehliger Friedensinitiativen stehen. Road map, Annapolis und saudische Friedensinitiative waeren meine Verpflichtungen.  Ausfluege an den Strand von Tel Aviv waeren meine Ablenkung vom harten Diplomatengeschaeft.

Ich wuerde zwischen den “verfeindeten Parteien” vermitteln, als ob sich die “Interesengegensaetze” wie ein Tarifstreit loesen liesen. Ungeachtet der schlechten Erfahrungen, die Israel mit Land fuer Frieden bisher gemacht hat, wuerde ich weitere “mutige Schritte” dieser Art anmahnen.  Es durefte alles passieren. Nur kein Fortschritt. Denn als Diplomat waere ich auf einen “unloesbaren” Konflikt angewiesen.

Die palaestinensische Taktik, schon grundlegende Voraussetzungen fuer einen Kompromiss nicht zu erfuellen, wuerden mir da sehr entgegenkommen. Die ausbleibende Abkehr vom Terror wuerde ich fuer mein Konzept so umdeuten, dass sie mir als Diplomat in die Karten spielt. Ich wuerde den antisemitischen Terror von der Ursache zur Folge des Nahostkonflikts verklaeren. Den Ball fuer die Abkehr der Palaestinenser vom Terror damit ins israelische Feld spielen. Schwer verdauliche Ideologiekritik wuerde ich links liegen lassen und bei der Darstellung des “Konfliktherds” mit einem primitiven Reiz-Reaktions-Schema arbeiten. Mit der Gewaltspirale.  Schliesslich wollte ich mir ja nicht den Diplomatenkopf zerbrechen, sondern Rotwein, feines Essen und rumjetten geniessen.

Ich wuerde “unverhaeltnismaessiges Handeln” verurteilen und “Besonnenheit” fordern und schmerzliche Konzessionen und ein Ende der Gewaltspirale und gegenseitiges Verstaendnis und Vernunft und Gespraechsbereitschaft und Aufbaugelder. Ich wuerde diplomatieren bis alles zu spaet ist.

Ich wuerde ueber die Leute laecheln, die sich fuer Rauchverbot und Muelltrennung engagieren. Denn ihre Arbeit wuerden tatsaechlich an den Entwicklungen des Rauch- und Muelltrennungsverhaltens gemesen. Meine nicht. Sie waere ganz unabhaengig von den Realitaeten und Entwicklungen im Nahen Osten der einzig richtige Ansatz.

Vom Iran wuerde ich derweil forden, keine Atombombe zu entwickeln, wobei es mir auch keinen Aerger einbringen wuerde, wenn diese Forderung verhallt. Auch wenn die Diplomatie als Zeitgewinn in die Haende der Mullahs spielt, die keine Anstalten machen ihre Urananreicherung abzublasen, gilt der diplomatische Ansatz in den Augen der Weltoeffentlichkeit als der einzig richtige Ansatz. So richtig, dass er Gestalt ohne Form sein kann. So sehr, dass wirksame wirtschaftliche Sanktionen Deutschlands gegen den Gottesstaat neben dem vielbeschworenen diplomatischen Prozess trivial und fast vulgaer erscheinen. Und deshalb immer wieder auf die lange Bank geschoben werden. Von militaerischen Optionen des Westens zum Schutz Israels ganz zu schweigen. Zuerst mussen “alle diplomatischen Mittel ausgeschoepft werden”. Ich wuerde dafuer sorgen, dass die Mitel unerschoepflich bleiben. Ich wuerde als Diplomat geschickt immer wieder diplomatischen Fortschritt berichten und von Zeit zu Zeit auch einen bevorstehenden Durchbruch der Diplomatie vermelden.

Wenn die IAF den iranischen Ambitionen irgendwann einen ultimativen Strich durch die Rechnung macht, wuerde ich verurteilen, wahrscheinlich sogar streng verurteilen.

Leider bin ich kein Nahost-Diplomat. Ich wohne in Tel Aviv und muss mir ueberlegen wo Deckung suchen, wenn dann irgendwann die iranische Vergeltung fuer den letztlich unvermeidbaren IAF-Einsatz angeflogen kommt.

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