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die qual der wahl pt.1

Meine Freizeit hat einen klar umrissenenen Ablauf. spiegel.de, faz.net, jpost.com, haaretz.com, Maariv, bild.de, zeit.de, Herald Tribune, nzz.ch, kicker.de, ynet.co.il, nytimes.com…. Was irgendwann als Bildungsbestreben angefangen und zunaechst durchaus ehrbare Zuege aufgewiesen hat, verkommt immer mehr zum Trauerspiel.

Ich halte es fuer nicht sehr wichtig informiert zu sein. Vielleicht liegt darin der Grund, warum ich mich mit Zeitungen und ihren online-Ausgaben beschaeftige. Doch wird der Zeitvertreib immer mehr zur Zeitverschwendung. Nicht, dass ich nichts besseres zu tun haette. Theoretisch. In Neve Zedek gibt es ein Buecherregal mit einem unerschoepflichen Fundus an hochklasssiger Literatur. Ich wohne zehn Minuten vom Mittelmeer entfernt und habe sogar RTL. Trotzdem klicke ich mich pro Tag mindestens fuenf Mal durch die Presselandschaft im Internet. An manchen Tagen vielleicht sogar zwanzig Mal. Dazu stapeln sich diverse Zeitungen auf dem Tisch. Nicht selten lese ich Haaretz in der englischen print-Ausgabe und klicke mich am gleichen Tag durch haaretz.com. Ich verzichte auch dann nicht auf faz.net, wenn ich bei Steimatzky eine Frankfurter Allgemeine ergattere. Um mir selbst nicht die Illusion zu rauben ein durchaus abwechslungsreiches Leben zu fuehren, integriere ich die alternativen Bildungs-, Unterhaltungs- und Freizeitmoeglichkeiten in meine Presseobsession. Waehrend ich Zeitung lese, laeuft meist ein Hoerbuch oder Hoerspiel und/oder TV. Ausserdem ist immer ein Fesnster geoeffnet um mich des Lebens zu versichern, das um mich herum tobt.

Ich bin zu sehr Marxist um zu glauben, dass es sich bei Zeitungen um mehr als Waren handelt, die auf dem Markt gewinntraechtig veraeussert werden. Verlage sind so sehr gezwungen profitabel zu handeln wie die Hersteller von Mobiltelefonen. Die Notwendigkeit Anzeigen zu platzieren und Verkaufszahlen zu verbessern muss das Wirken der Redaktionen notwendiger Weise beeinflussen. Die im Kapitalismus entscheidende Massgabe der Verwertbarkeit gilt auch fuer die Medienlandschaft. Ohne Konsument kein Umsatz. Form und Inhalt der von mir konsumierten Medienprodukte sind in erster Linie Verkaufsargumente, die staendig verbessert werden muessen, um sich100_1000 auf dem Absatzmarkt so zu positionieren, dass Profit erzielt wird. Die Zwaenge, denen die Redaktionen unterliegen, lasten dann auf dem Tun und Lassen der Journalisten. Ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.

Das Verhaeltnis der Zeitung zum Leser ist also weniger eines der Informationsweitergabe als mehr eines der Anbiederung. Ich behaupte, dass die Meinung des Lesers die Berichterstattung mehr beeinflusst als die Berichterstattung die Meinung des Lesers. Der Kunde ist Koenig. Zwangslaeufig.

Schaut man sich die unterschiedliche Berichterstattung verschiedener Presseerzeugnisse zum gleichen Thema an, so sagt der zu verzeichnender Unterschied viel ueber die verschiedenen Zielgrupen aus, die anvisiert werden.

Das Schauspiel das sich da vollzieht wird noch potenziert, wenn Anbiederung nicht nur die Art der Berichterstattung kennzeichnet, sondern sich auch ein Geschehen zum Gegenstand nimmt, dass mit Kundenfang nur unzureichend beschrieben waere. Bei meiner obsessiven Observation der Presse hat es mir vor allem der nie endende Wahlkampf angetan. Die Inszinierung der Wahlkaempfer steht ohne Zweifel in Abhaengigkeit zum Forum, dass ihnen die ihrerseits auf schrille Geschehnisse angewiesenen Redaktionen, bieten. Wuerde niemand darueber berichten, wie ein Politiker ein Nokia-Handy abgibt um gegen eine Werksverlagerung zu protestieren wuerde er so eine kreuzdumme Aktion vermutlich gar nicht erst in Erwaegung ziehen.

Wo sich das Spektakel besser verkauft als die nuechterne Betrachtung, darf zweiteres nicht erwartet werden. Weder von Politik noch von Zeitungen.

Politiker bemuehen sich um die Gunst der Waehler und die Presse um die Gunst der Leser. Dabei kommt es zu strategischen Allianzen und kalkulierten gegenseitigen Diskreditierungen. Eine Inszinierung, die auf allen Seiten der Rentabilitaet folgt. Mit unkalkulierbaren Risiken fuer die Vorstellung, die wir uns von unserer Wirklichkeit machen.

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