Nachdem sich die Spuren des heiligen Vaters im heiligen Land wieder verloren haben, bemuehen sich irdische Kommentatoren darum, die Groesse seiner Schritte zu bemessen. Die Auslegung der Nachwirkung des Kirchenoberhauptes bietet Gelegenheit einmal mehr eigene Anschauungen an einem hoeheren Ereignis abzuarbeiten. So verfestigt sich noch einmal die Vorstellung einer schweren Reise, die der Pontifex auf sich genommen hat. Der Gang duch Nahost wurde in den Tagen vor seinem Erscheinen vor Ort oft zur Reise mit schwerem Gepaeck stilisiert. Eine gelungene Dramatisierung, die sich heute fuer eine positive Anschauung seines Wirkens fruchtbar erweist. Die Reise stand vermeintlich unter einem schlechten Stern. Von Ratzingers Hitlerjugend bis zu Benedikts Rehabilitation eines Holocaust-Leugners wurden allerlei Schwierigkeiten heraufprophezeit. Als ob jemals die Moeglichkeit bestanden haette, dass der Papst seinen Auftritt verweinbauert.
In Yad Vashem schwieg er sich dann tatsaechlich darueber aus, wer sechs Millionen Juden ermorden liess. Kein Wort zu Williamson und kein Besuch des Museum, in dem Pius II als Papst gezeigt wird, der zum Holocaust schwieg.
Statt verdienter Schelte an einem deutschen Papst, der es unterlaesst, in Israel die Deutschen als Schuldige an der Judenvernichtung zu bennenen, gab es anerkennende Worte fuer seine grosse, spirituelle, nicht historisch ausgerichtete Rede. Alles in allem gilt der Besuch, gemessen an den schlechten Vorzeichen, als Segen. Die erloesten Reaktionen verweisen auf die Gemuetslage der Schreiber und ihrer seeligen Leser.
Der Holocaust ist vorbei und in ehrenwerten Denkmaelern fuer die Nachwelt aufgehoben. Die schwierige Auseinandersetzung mit den Umstaenden, unter denen er moeglich wurde, hat ihre Schuldigkeit getan. Geschichte ruhen lassen als deutsches Anliegen. Zum ansatzweise kritischen Artikel “Ungleichgewicht des Mitgefuehls” bemerken kommentierende Leser dass die “Unterdrueckung der Palaestinenser” als aktueller Konflikt zu gelten hat im Gegensatz zum Holocaust, der nunmehr über ein halbes Jahrhundert zurückliegt.
Ueberhaupt sind die Leser-Kommentare zu den verschiedenen Berichten ueber die Papstreise vollgepackt mit dem Schuldkomplex, den es abzustreifen gilt. Woraus sich die Vorstellung eines Komplex herauskristallisiert, also einer eingeredeten Schuld. Einer vorgeblichen Schuld, die in der Auschwitzkeule, staendig gegen die Deutschen instrumentalisiert wird. Eine Schuld, die Deutsche aus Sicht der Deutschen zu Taetern stigmatisiert und ihrer Opferrolle [Dresden und Vertreibung] ukeinen Platz laesst.
Es sei an dieser Stelle eingeschoben, dass der Papst zum Tag der Heimat auch schon die ein oder andere einfuehlsame Grussbotschaft an den BdV schickt.
Wer aber auf dem moralischen Fundament baut, Auschwitz “Nie Wieder” geschehen zu lassen, kann den Holocaust nicht als Geschichte betrachten, die uns heute nichts mehr angeht. Der millionenfache Judenmord der Deutschen gruendete auf einem antisemitischen Wahn, der nicht mit dem Ende der Nazis verblichen ist. Daraus ist durchaus eine Verpflichtung abzuleiten, sich immer wieder mit der Ideoloie auseinanderzusetzen, die Auschwitz moeglich gemacht hat. Die wahnsinige Vorstellung einer juedischen Verschwoerung, die mit allen Mitteln angegangen werden muss, feiert derzeit Renaissance. Die industriell durchgeplante Judenvernichtung als Verirrung der Geschichte abzutun, ist fahrlaessig.
In der westlichen Welt – v.a. in Deutschland – hat sich der Antisemitismus nach Ausschwitz zum Ressentiment gegen Israel gewandelt. Eine ideologiekritische Dechiffrierung dieses verkleideten Antisemitismus waere eine Herausforderung fuer einen deutschen Papst gewesen, der so gerne zum Philosophen erhoben wird. Mit einer Beleuchtung der unheilvollen Solidaritaet mit antisemitischen Bewegungen, haette der Papst tatsaechlich den Mut bewiesen, der ihm so oft unterstellt wird.
In der islamischen Welt blueht der eliminatorisch gesinnte Antisemitismus und treibt immer neue Vernichtungsdrohungen gegen den juedischen Staat hervor.
Wer es ernst meint mit der Forderung, dass Auschwitz “Nie Wieder” sei, der muss diesen blutruestigen Wahn als Grundproblem des Nahostkonflikts herausarbeiten und sich solidarisch mit dem juedischen Staat zeigen. Mit seinen Bewohnern und seinen Streitkraeften, die verhindern, dass die Juden ein weiteres Mal, als Suendenboecke fuer alles Uebel, zur Schlachtbank gefuehrt werden.
Als Katholik haette Ratzinger beim christlichen Antijudaismus einsteigen koennen, um die Vorgeschichte des Antisemitismus zu beleuchten. Zum Abschluss haette er klare worte fuer die Solidaritaet mit Israel finden muessen. Es waere ihm zu Gesicht gestanden einzugestehen, dass die Moral des christlichen Europa keine ausreichende Rueckversicherung gegen den Judenmord war und ist.
Als Papst haette sich Benedikt zur Gefahr der Holocaustleugnug aeussern muessen. Immerhin zielt die Holocausleugung und -relativierung, wie sie in Teilen der Kirche immer wieder zu finden ist, auf die Legitimation des juedischen Staates.
Als Vorbeter fuer das palaestinensische Volk hat er dem Frieden, den er sich erhofft, keinen Dienst erweisen. Sein Betrauern der Sperranlage bietet Anknuepfungspunkte fuer ein verzerrtes und verkehrtes Verstaendnis des Konflikts. Einen Sperrwall als Separationsmauer zu bedauern dekontexualisiert diese Anlage und verkehrt Ursachen und notwenige Folgen. Diese “Mauer”, die der deutsche Papst zur Freude deutscher Kommentatoren als “Mauer”, nicht Sicherheitswall, nicht Sicherheitsmauer, bezeichnet hat, schuetzt Cafes, Maerkte, Busse und Krankenhaeuser vor dem Eindringen von Selbstmordattentaetern.
Statt den Palaestinensern zu versprechen bedingungslos fuer sie zu beten, haette er den Mut aufbringen koennen, sie aufzufordern der Gewalt abzuschwoeren und sich um den Aufbau einer Zivilgesellschaft zu bemuehen, statt sich und Israel im Dschihad aufzubrauchen. Das unerfuellt bleibende “Streben für ein bleibendes Heim, für einen unabhängigen palästinensischen Staat” haette er als Intelektueller Ratzinger gerne ausfuehren duerfen. Worin erkennt er dieses Streben? Und warum ueberliefert er die Vorstellung einer “Spirale der Gewalt, von Angriffen und Gegenangriffen, Vergeltung und fortwährender Zerstörung”. Wenn Israel sich gegen seine Zerstoerung wehrt, ist das nur eingeschraenkt als Spirale der Gewalt zu kolportieren.
Das palaestinensische Fluechtlingslager als Kulisse fuer den politischen Papst ist seiner Berufung zur Stigmatisierung israelischer Vertreibungspolitik voll gerecht geworden. Dabei gibt es kaum etwas unheiligeres als diese Staetten, in denen palaestinensischens Leid von den Agenten der Weltgemeinschaft konserviert wird, um es gegen den juedischen Staat zu instrumentalisieren. Der vermeintliche Mut, mit dem Benedikt das Recht der Vertriebenen auf Rueckkehr angemahnt hat, ist auf dem Mist antizionistischer Propaganda gewachsen und stellt ein nicht unbedeutendes Hindernis fuer die israelisch-palaestinensische Verstaendigung dar.
Die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus hat das Kirchenoberhaupt gescheut. Dies- und Jenseits der Sperranlage. Und damit die Moeglichkeit vertan, aufzuzeigen, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust das Verstaendnis fuer einen aktuellen Konflikt – v.a. seine Konfliktparteien – weitet.
Israel hat die Lehren aus der Geschichte der Judenverfolgung und -vernichtung gezogen und bietet als juedischer Staat allen Juden eine Heimstaette. Ein Staat, der Vernichtungsdrohungen ernst nimmt und den Schutz seiner Buerger garantiert. Auch wenn dieser einen Sperrwal oder militaerisches Vorgehen notwendig macht.
Was einige deutsche Meinungsmacher, die sich wuenschen, Israel moege angesichts existenzieller Bedrohung die Haende in den Schoss legen, maechtig fuchst.