Eine angenehm tagwarme und nachtmilde Luft hat, nach dem grossen Abregnen monatelang angestauter Luftfeuchtigkeit, Einzug gehalten. Meine Meinung, dass Fruehling und Herbst die schoensten Jahreszeiten sind, hier in Tel Aviv, hat sich verfestigt. Der inzwischen endlich abklingende Sommer war einmal mehr eine Herausforderung an Koerper und Geist. Brennende Sonne, schwuele Hitze, drueckend warme Naechte und lauwarme See, die nur unzureichende Abkuehlung bieten konnte. Mehr als ein halbes Jahr hat Tel Aviv kenen Tropfen Regen gesehen. Vor Mitternacht musste da nicht ans Ausgehen gedacht werden. Zwei Weizen zum Nachmittag und der Tag konnte als erledigt betrachtet werden. Um sich schadlos bis zum vergnueglichen Nachtleben zu halten, musste man den langen Tag ueber diensteifrig der Austrocknung des Koerpers durch Einnahme nichtalkoholischer Getraenke vorbeugen.
Die Abstinenz von nachmittaeglicher Bierseeligkeit und fruehabendlicher Weingeistigkeit hat sich mir die meiste Zeit aber ohnehin verboten, da ich viele meiner Tage im Krankenhaus verbringe und der Geist aus der Flasche dort selbstverstaendlich gebannt ist.
Nach der Ouvertuere ueber das Klima zum Krankenhaus. Einblicke, die bald schon Erinnerungen sein koennten, da
ich die pflegerische Taetigkeit, mit der ich meine Broetchen verdiene, in ein privates Seniorenheim fuer Einwanderer aus Mitteleuropa verlegen werde.
So sehr ich mich bereit sehe, mich weinerlich hinsichtlich der harten Arbeit im KKH zu geben und den baldigen Abschied aus dem Krankenhaus zu begruessen, muss ich doch auch sagen, dass ich mit dem Wechsel auch einer ganz eigenen Faszination den Ruecken kehre. Wozu ich sagen muss, dass ich inzwischen ein Jahr auf einer Station beschaeftigt bin, die Endstation ist und sich die Faszination kaum auf die Kranken selbst bezieht.
Bei der Vielzahl bitterster Schicksale, die auf unsere Betten verteilt sind, wuerde emotionale Anteilnahme das eigene Seelenwohl maechtig erschuettern. In einem Pflege- und Rehabilitationsbetrieb auf einer Station fuer Schwerstkranke angestellt zu sein, zieht eine notwendige Abstumpfung gegen Leid und Tod der Kundschaft nach sich.
Das Rehabilitations- und Pflegeunternehmen profitiert nicht selten acht Schichten die Woche von meinem Dienst und dementsprechend Leid ist es mir geworden, die Verwertungslogik im Gesundheitswesen wieder und wieder zu reflektieren. Wer noch an die Unschuld der Schwarzwaldklinik glaubt, bekommt bei mir Abhilfe.
Ich “regiere” in meinem Zauberberg ueber Eindruecke, die ich im Umgang mit den Familien und Mitarbeitern sammle. Als Bonus zum Lohn fuer die Muehen ergeben sich mir Einblicke in eine Welt, die faszinierender kaum sein koennte. Einblicke in die israelische Gesellschaft. So oft ich von meinem aethiopischen Kollegen in zwielichtige aethiopische Bars gefuehrt werde, hoere ich mir an, wie er ist in jungen Jahren in den Sudan gefluchtet ist, wo er sich einige Jahre durchgeschlagen hat und geschlagen wurde, wenn er als Jude erkannt wurde, bevor ihn ein israelisches Kommando in den juedischen Staat gebracht hat. Dort ist er inzwischen als israelischer Infanterist in zwei Kriegen gezogen und rechnet mit einem weiteren Einsatz. Aus anderen Regionen dieser Welt sind meine zahlreichen Kollegen Bucharen nach Israel eingewandert. Aus Turkmenistan und Usbekistan haben sie ihre bucharischen Braeuche mitgebracht, die sie streng pflegen, wie ich auf der Hochzeit einer Tochter einer unserer bucharischen Schwestern erleben durfte. Da war die Moderne fuer einen Abend entrueckt. Die verheiratete Tochter, uebrigens, bereitet der Mutter heute, wenige Monate nach der Hochzeit, Sorgen. Sie widerspricht ihrem Ehemann. Fuer die Schwester fuegt es sich in unangenehmster Weise zu der viel weitlaeufigeren Sorge ueber den Sittenwandel. Als unser frisch verheirateter Araber bemerkt hat, dass die Frau dem Mann zu gehorchen und nicht zu widersprechen habe, es an ehrerbietendem Gehorsam nicht fehlen lassen darf, hat die stolze Bucharin ihm dargelegt, dass er von besseren Zeiten spricht und ein solches Ehrverstaendnis heute leider aus den Fugen geraten ist. Zur widerspenstigen Tochter kommt ein Sohn, dem sie verbieten musste, eine Russin zu heiraten, da die Mentalitaet der Russen sich von derjenigen der Bucharen zu sehr unterscheidet. Der Anpassung an die moderne israelische Gesellschaft entgehen meine bucharischen Kollegen in bucharischen Nachbarschaften in Or Yehuda, Tel Kabir und Gegenden von Holon. Wer mich kennt, weiss, dass ich aufgrund meiner linksorthodoxen Sozialisation als Gymnasiast und Zivilienstleistender der ausgehenden 90er nicht dazu neige, Menschen nach Abstammung zu unterscheiden. Doch ist es im KKH tatsachlich so, dass geradezu alle meine Kollegen sich und andere ueber ihre Stammeszugehoerigkeit definieren. Als ob es unumgaenglich waere, je nach Herkunft, mit einem Paket kultureller Eigenarten beladen zu sein. In diesem Sinne sind fuer mich fuer mich als Sozialpaedagogen a.D. die Russen hoch interessant. Jene Einwanderer und deren Nachkommen, die sich oft sehr integrationsresistent zeigen und mit einer beachtlichen russischsprachigen Infrastruktur aus Lebensmittellaeden, Buchhandlungen und allen anderen erdenklichen Dienstleisungen aufwarten. Incl. Liebermann. Im Gegensatz zu den Bucharen im KKH ist bei den Russen die juedische Identitaet weniger stark ausgepraegt. Sie feiern Silvester und geben nicht viel auf die Halacha. Neben den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion stellen die viel frueher eingewanderten orientalischen Juden [Mizrahis genannt] und die israelischen Araber die meisten Mitarbeiter im KKH. Orientalische Juden und Areber teilen kulinarische und musikalische Vorlieben und leider auch den Hang zur grossen Gestik und ununterbrochenen Artikulation. Anstaendiger Weise muss natuerlich zwischen orientalischen Juden einerseits und muslimischen und christlichen Arabern andererseits differenziert werden. Wo aber nur ein geringer Grad an Religiositaet vorherrscht, ist es nicht immer leicht, unterscheidende Merkmale zu finden. Im KKH hoeren Araber Eyal Golan und andere Mizrahi Zuckerbaecker, waehrend sich die orientalischen Juden an arabischem Herzschmerz erfreuen. Unser Stationsvoersteher ist Marokkaner und laesst sich die Anbiederungen unserer jungen arabischen Pfleger genauso gern gefallen, wie die Liebenswuerdigkeiten unserer jung gebliebenen irakischen Pflegerinnen. Sobald die Religion ins Spiel kommt, werden Unterschiede deutlich Allerdings nicht nur zwischen den Religionen. Exemplarisch dargelegt an einem unserer moslemischen Arber, der die Hochzeit unseres anderen muslimischen Arabers nach einer halben Stunde geschockt verlassen hat, da Maenner und Frauen gemeinsam gefeiert haben. In seinem Dorf gibt es so etwas nicht. Ich muss nun pflichtschuldig einen Hinweis auf meine arabischen Freunde geben, unter ihnen auch glaeubige Muslime, mit denen ich auf dem Balkon Wasserpfeife rauchen muss, und dies auch gerne tue, da sie kein Bier trinken. Dies vorweg, um skandaltraechtig wie Sarrazin zu bekennen, dass mir die arabische Kultur sympathischer war, als ich noch nicht so unmittelbar mit ihr konfrontiert war, wie jetzt, wo ich im KKH viel von der arabischen Ehre mitbekomme, die sie Frauen und ihrer sonstigen Umwelt angedeihen lassen. Natuerlich wird vieles von den helleren Koepfen unter ihnen erkannt und kritisiert. Ich hatte eine Kollegin, die sich hat scheiden lassen. Ihr Ex-Mann lebt inzwischen in Gaza und seine Familie trachtet ihr nach dem Leben. Es gab vor meiner zeit im KKH eine arabische Putzfrau, die von der Familie gekillt wurde, weil sie sich zu laessig gab und einer meiner Kollegen wurde vom Onkel mit einer satten Tracht Pruegel bedacht, als bekannt wurde, dass er vom Wodka probiert hat.
Aber keine Sorge um mich in Yafo, denn Yafo hat unter den Arabern den Ruf des ungeregelten Zusammenlebens, in dem die arabischen Normen kaum noch Geltung erlangen. Wie auch Tel Aviv von orthodoxen Juden als Suendenpfuhl bezeichnet wird. Ich habe das von einer modernen Araberin aus Lod gehoert, die liebend gerne die Enge ihrer arabischen Nachbarschaft in der juedisch-arabischen Stadt gegen eine Unterkunft hier in Yafo tauschen wuerde. Doch hat Yafo, wie auch Tel Aviv seinen Preis. waehrend die Geschichten, die sie mir aus Lod oder der ebenfalls juedisch-arabischen Stadt Ramle erzaehlt, schon schwer verdaulich sind, kann ich vieles von dem, was unsere Araber aus der rein arabischen Staedten Baka Al Ghabir oder Um El Fahm erzahlen schon gar nicht mehr mit aufgeklaerten Zeiten in Einklang bringen. Dagegen geht es in Yafo dann tatsaechlich modern zu. Ganz wenigen Burka Batman Frauen stehen viele Musliminnen gegenueber, die Kopftuch, Selbstbewusstsein und Eleganz zumindest auf den ersten Blick zu vereinigen wissen. Von den jungen Christinnen ganz zu schweigen.
Auch in den den Mizrahi Hochburgen Tel Avivs, wie Yad Eliyahu herrscht auf den ersten Blick der Eindruck eines Arrrangements mit der Moderne vor. Allerdings wurde mir aus der Mitte der Tikva-Nachbarschaft von einer perserischen Juedin eine Braut angeboten. 25 Jahre und mit eigenem Einkommen und eigener Wohnung und haeuslich, was heute nicht mehr selbstverstaendlich ist. Dass Orthodoxe aus der Nachbarschaft plakatieren, dass Juden nicht mit Goys gehen, war ihr nicht so wichtig. Kinder einer Juedin sind unbesehen des Vaters Juden. Ich habe allerdings abgelehnt und bin derweil um die vielen jungen Frauen dankbar, die nicht zu Hause warten, bis jemand fuer sie gefunden wird. Auch wenn deren Emanzipation augenscheinlich oft mit der Adaption wenig Gender-Vertraeglicher Betonung der Weiblichkeit im oeffentlichen Raum einher geht.
Was mir an Multikulti Israel gefaellt, ist neben der mannigfaltigen und facettenreichen Erscheinung des besseren Geschlechts, die kulinarische Vielfalt. Wer etwas immer noch den anachronistischen Lobgesang auf das deutsche Brot singt, kann hier lernen, dass nicht nur Russen und Bucharen, sondern auch Marokkaner, Yemeniten und Aethiopier weit bessere Baecker vor dem Herrn sind. Von den Kochkuensten der Georgier, Iraker u.A. ganz zu schweigen.
Doch ist es auch gut, wenn sich der Orient auf die Kueche und gelegentliche Begegnungen mit seinen Repraesentanten
beschraenkt.
Ich kann mich der anstoessigen Freude nicht entwehren, Orient im KKH zu lassen und in eine ashkenasische Welt einzutauchen. Entschaerfung. Ich freue mich auf die Yeckes, wie die deutschen Juden genannt werden.
Der Bereicherung meines Horizonts werde ich dem Spital aber stets gedenken. Obwohl der Laden vor 70 Jahren auch fuer Yeckes gebaut wurde, fuer Holocaustueberlebende, und Kenntnisse in Jiddisch bis in die 80er verlangt wurden, ist der ashkenasische Geist heute bis auf die Bueros der obersten Bosse zurueckgedraengt. Im Bewusstsein der Einblicke, die mir das Reuth gewaehrt hat, erfahre ich Tel Aviv als eine Stadt, die viel mehr Gesichter hat, als es die Berichterstattung zum 100jaehrigen Jubilaeum glauben machen moechte.
Fuer die Feuilletons der Journalie steht stets der Widerspruch der Stadt zum restlichen Land im Mittelpunkt. Dargestellt meist am Gegensatz von Tel Aviv und Jerusalem. Die moderne Architektur Tel Avivs mit ihrer klaren Formensprache und ihren lichtdurchfluteten Boulevards als aeussere Erkennungsmerkmale. Der fliessende Uebergang der Stadt in den kilometerlangen Strand als physische und psychologische Ausrichtung. Die auch von mir stets hervorgehobene Cappuchinometropole mit ihrer Designerszene und ihrem Amuesierbetrieb. Die zahllosen Theater-, Tanz- und anderen Kulturfestivals, die mit unzaehligen Ausstellungen und Konzerten das Veranstaltungsmagazin der Stadt Woche fuer Woche andicken. Die stets beschwingte Stadt, der ihre Lebenslust von den Kommentatoren linksliberaler Blaetter nicht selten zweideutig ausgelegt wird. ”Bubble Town”, wie ich Tel Aviv so oft bezeichnet fand, um zu beschreiben, wie sich die Stadt abkapselt und abhebt.
Fuer mich ist Tel Aviv indes mehr als nur Partyhochburg, Kulturoase und Egotrip. Weil ich kein Journalist bin, der hier zum runden Jubilaeum reinjettet, den Puls der Stadt fuehlt, sich im Amuesierbetrieb verliert und dann aber genuegend ausnuechtert um festzustellen, dass der ganze Hedonismus spannend und doch gleichzeitig unschicklich ist, da er sich doch nur wenige Kilometer von Gaza-Stadt abspielt. Oder um es kurz zu sagen: Weil ich hier lebe und arbeite.