Doch weiss ich, dass die werte Leserschaft aus Israel Anmerkungen zu Politik erwartet und nicht zum Sport. Anfang Oktober war das Land knapp drei Minuten gefesselt. Hamas hat im Tausch fuer die Freilassung einiger Gefangener ein Video uebergeben, in dem sich der seit knapp vier Jahren entfuehrte Israeli Gilad Shalit zu Wort meldet. Die Ausstrahlung hat Israels Strassen leergefegt. Gebannt haben Millionen die Aufzeichnung verfolgt, um sich einen Eindruck vom Zustaend des jungen Soldaten zu machen, der den Terroristen von Hamas in die Haende gefallen ist. Das Schicksal von Gilad Shalit bewegt die Menschen in diesem Land auf empfindliche Weise, da alle Familien hier, mit Ausname der Ultraorthodoxen und vieler Araber, ihre Soehne und Toechter fuer drei bzw. zwei Jahre zur Armee schicken. Plus Reservedienst. In den Haenden der Verteidigungsstreitkraefte liegt die Existenz des juedischen Staates.
Iran propagiert eine Welt ohne Zionismus und bastelt in diesem Sinne nicht nur fleissig an der Atombombe, sondern haelt auch seine Filialleiter an den Grenzen Israels - Hamas und Hizbollah - an, aufruesten um die Zerstoerung des juedischen Staates nach Kraeften zu befoerdern. Eine schiffsladungsgewaltige Waffenlieferung hat juengst Zeugnis abgeliefert.
Indes der jihaddistische Geist durch die palaestinensischen Gebiete tobt und die UNRWA sich um einen Nachschub an Fluechtlingen kuemmert, deren scheinheilig geforderte Rueckkehr den juedischen Staat demographisch sprengen wuerde.
Nur bei den Palaestinensern wird der Status Fluechtling vererbt, wodurch die Anzahl der Fluechtlinge ueber die Gerationen staendig waechst. Ich sehe oft die dicken UN Autos in Jerusalem rumfahren, letztens sogar im beschaulichen Holon, und mache mir so meine Gedanken ueber die Moral einer Organisation, die an der Konservierung des Leids der Palaestinenser mitwirkt, indem sie immer nur foerdert, aber nie fordert. Es ist die ganz grosse Sozialhilfe, die bedingungslos gewaehrt wird, und einen ihrer Agenten habe ich hier in Yafo getroffen. Und er hat mir unumwunden zugestanden, dass die Hilfsorganisationen, einschliesslich seiner eigenen, sich in den Gebieten auf den Fuessen stehen. Ich war nach dem Treffen erst recht in meinen Beobachtungen bestaerkt, dass ein Frieden im Nahen Osten niemandem so sehr schaden wuerde wie jener gewaltigen Branche aus Entwicklungshilfeorganisationen, Fluechtlingshelfern, Krisenbeobachtern, Stiftungen, die sich um diesen Frieden vorgeblich bemuehen. Problematisch problematisch fand er es nicht, dass seine und andere Organisationen den Palaestinensern alle Aufgaben aus den Haenden nehmenen, die in einem stets geforderten souveraenen Staat Sache der Palaestinenser selbst sein muessten. Ich war an eine Begegnung mit einem Mitarbeiter der UNRWA, die sich um die palaestinensischen Fluechtlinge kuemmert, waehrend alle anderen Fluechtlinge dieser Welt das Bier der weit schlechter ausgeruesteten UNHCR sind, erinnert. Der Kerl hat mir 2004 in Jerusalem von seiner Arbeit in Jenin erzaehlt, dabei uebrigens den Mythos des Massakers von Jenin aufgewaermt, als ob die UN damals noch nicht gewusst haette, dass diese perfide Propaganda schon widerlegt war. Schliesslich hat er noch einige offen antisemitische Ansichten seiner Kundschaft dargelegt. Wir haben einen Tagesausflug nach Hebron unternommen, von dem er sich wohl paedagogisch in Hinsicht auf meine ProIsraelische Meinung einiges versprochen hat. Es ist bei solchen Dienern der Voelkergemeinschaft nicht selten, dass sie fest der Meinung sind, dass ein Blick auf das palaestinensische Leiden jede Solidaritaet mit Israel zerschlaegt. Dieser wenig ideologiekritische Ansatz fuehrte mir den Mann bei der UN also als Reisebegleiter nach Hebron an die Seite. Und seine eigene Empathie war tatsaechlich so grenzenlos, dass er nur lustlos mit den Schultern gezuckt hat, als mich ein Palaestinenser auf dem Markt gefragt hat, warum wir unseren Job nicht zu Ende gebracht haben, nachdem ich mich als Deutscher geoutet habe.
Waehrend meine juedischen Mitarbeiterinnen im Krankenhaus die Aversionen der arabischen Welt und der UN gegen Israel als unveraenderbar ansehen, erregt die europaeische Haltung, Palaestinenser stets zu bemuttern und Israelis stets onkelhaft von der Seite anzumachen, Unverstaendnis. Ungezaehlte Massregelungen und Anti-Israelische Demonstrationen aus dem befreundeten Ausland, die jeden Schritt Israels begleiten. Bekannt aus dem Fernsehen und aus Erzaehlungen von Europa-Reisenden oder aus der Berichterstattung in Europa ansaessiger Sippe. Gerade wenn die Nerven ohnehin gespannt sind, wie bei der Militaeraktion letzten Jahres im Gaza, verursachen die demonstrativ geaeusserten Beifallsbekundungen der Europaeer fuer die Feinde des juedischen Staates bei dessen Bewohnern einen sauren Geschmack. Und es ist meinen Kollegen egal, dass die a ntiisraelische Kritik meist als Kritik an Freunden legitimiert wird, ja notwendiger Kritik sogar, die Freundschaft erst wirklich besiegelt. Ich selbst weiss, dass es ein bauernschlauer Griff in die Trickkiste ist, um an der Heimatfront antizionistisch zu punkten ohne auf den Duenkel des Freund der Juden verzichten zu muessen. Ich kann als Deutscher bei solchen Gelegenheiten nicht genuegend darauf hinweisen, dass mein Nachkriegsdeutschland moralisch bankrott ist. Adornos ”Nie wieder” ist zur Farce geworden.
Ich moechte aus dem viel kritisierten Land Israel verlautbaren lassen, dass es hier eine Unzahl von Instanzen zur Wahrung der Moral gibt und diese nicht nur Stimme, sondern auch Zuhoerer haben. Es also keinen grund gibt, von aussen staendig zu intervenieren. Waere ich Israeli, wuerde mir diese freundschaftliche Dauerkritik auch auf den Sack gehen. Israelis brauchen gute Nerven in einer Welt, die ihnen viel Antipathie und nur ganz wenig Solidaritaet fuer ihren kleinen Staat entgegen bringt. Doch dafuer wirken sie herausfordernd gelassen im Alltag. Beschaeftigt mit all den Angelegenheiten, die den modernen MEnschen umtreiben. Eine Bekannte von mir, taetig fuer ein Ministerium, meinte, dass ihr Volk noch nie gemocht wurde und aber die Araber und ihre Sympathisanten nicht erreichen werden, was schon die Inquisition und die Deutschen nicht geschafft haben und der Welt die ungeliebten Juden fuer immer erhalten bleiben werden.
Es gibt in der Flut der Nachrichten aus den letzten Wochen zwei Ereignisse, die wirklich fuer Aufsehen gesorgt haben. Zumindest im Krankenhaus.
Passiert ist Vieles, von der erneuten iranischen Weigerung von der Urananreicherung abzusehen ueber eine Resulotion in der UN-Menschenrechtskommision, die auf ein Neues den juedischen Staat diskreditiert und daemonisiert, bis zum Saebelrasseln der Hizbollah und erneutem Raketenbeschuss aus Gaza. Interessiert haben aber v.a. zwei Geschichten. Zum einen eben Shalit. Zum anderen die Tuerkei.
Nachdem Erdogan im Fruehjahr in Davos gegen Israel ausfaellig geworden ist, wurde gefragt, inwieweit dies Einfluss auf das liebste Hobby der israelischen Mittelschicht nimmt. Cluburlaub in Antalya. Die Diskussion wurde von neuen Angeboten zu Gunsten der tuerkischen Riviera entschieden und ich weiss nicht, wie oft ich mir anhoeren durfte, wie viel und gutes Essen die Tuerken doch auffahren. Dann haben sich letzten Monat die politischen Ereignisse derart ueberschlagen, dass Abstinenz nun Unumgaenglich scheint. Auch wenn es natuerlich auch weiterhin so viel billiger ist als Urlaub in Eilat. Die Tuerkei hat die israelische Luftwaffe von einer geplanten gemeinsamen Uebung von NATO und IAF ausgeladen dann gemeinsame Militaeruebungen mit Syrien bekannt gegeben, den iranischen Praesidenten mit allen Ehren empfangen und im tuerkischen Fernsehen laeuft eine krass antisemitische Serie aus, in der israelische Soldaten Kinder exekutieren.
Ich habe mit Begeisterung vernommen, dass nun Kroatien auf die Rolle der Tuerkei als Mediator israelisch-syrischer Gespraeche schielt.
In Yafo gibt es eine Wand der Bruederlichkeit, auf der junge arabische Fuehrungskraefte im Rahmen eines Kustworkshops unter der Schirmherrschaft der Landesregierung NRW dilletiert haben. Einige Meter weiter sitzen Juden und Araber im beliebtesten Fischrestaurant Yafos sitzen, ohne dass dafuer Stiftungsgelder fuer die Bruederlichkeit fliessen. Wer den notorisch ausgegrenzten Arabern mit Kunst eine Stimme geben moechte, als Vergleich fallen mit Kunstprojekte mit Obdachlosen ein, muss seine Agenda auch dann pflegen, wenn sie der Realitaet einen Baerendienst erweist. Von der produzierten Kunst ganz zu schweigen, die unter sozialpaedagogischer Kandare blass bleibt.
Mir faellt auf, dass es in Yafo, oder auch in Haifa, wo die ideologische Verdichtung fehlt, ein mehr oder weniger friedliches Nebeneinder gibt. Wozu also die Mahnung zur Bruederlichkeit, Nordrhein-Westfalen? Und ich habe nur ein Beispiel unter Tausenden zitiert, die queer ueber das Land initiiert sind. Es gibt hier Kunst zum Zweck der Verstaendigung in Huelle und Fuelle.
Wobei ich darauf hinweisen muss, dass es im Wadi Nisnas in Haifa Kunst im oeffentlichen Raum zu jaehrlich wechselnden Themen gibt und das sehr ansehnlich ist. Warscheinlich, weil hier die Kunst im Vordergrund steht, auch wenn die KuenstlerInnen Araber und Juden sind.