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Humanitäter

Israel

Für Erdogan und die Hamas hätte es nicht besser kommen können. Unter ihren islamistischen Spielführern haben sich die Türken auf die vordersten Plätze des weltweit beliebten Antizionismus propagandiert. Viele Türken scheint das Entschädigung genug für die verpasste Teilnahme an der WM-Endrunde. Dankbar halten sie  ihre Fahnen in den Wind.  
Den Offensiv-Spezialisten der Hamas, die seit der Militäroperation cast lead in die Defensive gedrängt schienen, haben die Humanitäter der Marmara eine unverhoffte Konterchance geboten. Evtl. werden sie sich sogar aus der Belagerung ihres Strafraums befreien.
Die Runde geht ganz klar an den islamistischen Block. Vom iranischen Regime, über den syrischen Präsidenten bis zu den Stürmern der Hizbollah bezeugen eingespielte Israelfeinde den Türken standing ovations und feuern die Hamas an.
Von der Muslimbrüderschaft in Ägypten bis zu Hugo Chavez wird die neue Aufstellung gegen Israel gelobt.

 Hier in Israel herrscht dagegen eine Stimmung der Unsicherheit, die mit einer Welle des Patriotismus leidlich kaschiert wird. Seit bordende israelische Soldaten auf der Mavi Marmara von einem Lynchmob in Empfang genommen wurden und neun “Menschenrechtsaktivisten” bei der Übernahme des Schiffes ihr Leben auf Deck gelassen haben, plagen sich die Israelis mit Bauchweh.
Die Aktion selbst, die Folgen und die möglichen Auswirkungen haben unverkennbar auf den Magen geschlagen.

Die verfügbaren Bilder des fatalen Einsatzes werden wieder und wieder gesichtet. Dass die israelischen Soldaten derart ans Messer geliefert wurden, geht nicht spurlos an den Menschen hier in Israel vorbei.
So wünschen sich auch 2/3 der Israelis eine Untersuchungskomission (Maariv vom 2.6.). Bisher wird nur spekuliert, wo die Fehler gemacht wurden. Der Verteidigungsminister und die Geheimdienste stehen besonders unter Druck.
Den an der Aktion beteiligten Soldaten kommt derweil Zuspruch von allen Seiten zu. Fast jede israelische Familie schickt ihre Söhne und Töchter zur Armee.

Dem Schock über die Geschehnisse folgt die Fassungslosigkeit über die weltweiten Reaktionen. Besonders bitter stößt  den Israelis die Rezeption und Auslegung der Geschehnisse in Europa auf.

Dass in der arabischen Welt israelische Fahnen brennen und “Tod Israel” skandiert wird, geschieht in regelmäßigen Intervallen. Auch die Radikalisierung der Türkei unter der Führung der AKP ist ein Prozess, der sich schon so lange hinzieht, dass es kaum für Verwunderung sorgt, dass jetzt Zehntausende in Istanbul ihren antiisraelischen Zorn auf die Straße tragen. Türkisches Fernsehen zeigt schon seit längerer Zeit offen antisemitische Serien und Filme. Jeder hier weiß, dass Erdogan sich schon lange mit Israelfeindlichkeit profiliert und die Nähe zu Iran und Syrien sucht. Dass bisher 300.000 Israelis pro Jahr in der Türkei Urlaub gemacht haben, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hier die Eskalation von Seiten der Türken erwartet hat.

Es ist die Israelfeindlichkeit, in der Europa versinkt, die hier auf das Gemüt drückt. Nicht, dass die Israelis nicht schon seit Jahren den Eindruck haben, dass die Welt gegen sie ist. Der antiisraelischen Stimmung in Europa aber hat man gehofft/geglaubt könnte man mit Erklärungen begegnen.

Dabei hat sich während der Militäroperation in Gaza schon klar gezeigt, dass man sich in Europa hinsichtlich des Nahostkonfliktes nicht für Erklärungen, Zusammenhänge und ideologiekritische Betrachtungen interessiert, sondern seine Ressentiments pflegt, wo es nur geht. Die Israelis haben den europäischen Antizionismus völlig unterschätzt. Die antiisraelische Berichterstattung und die israelfeindlichen Demonstrationen wurden stets als Folge islamistischer Propaganda begriffen. Was sie sicher auch waren. Aber das ist maximal die halbe Wahrheit.

Der in Europa weit verbreitete Antisemitismus im Gewand der Israelkritik wird  hier in Israel konstant verdrängt.

Es wird nicht erwogen, dass die Europäer sich vielleicht nicht nur vor den Karren der Islamisten spannen lassen, sondern deren antisemitische Verständnismuster teilen.

 Was der jüdische Staat “im eigenen Interesse” zu tun hat, wird obsessiv von jenen Israelfeinden diskutiert, die sich in Europa “kritische Freunde” nennen und mit ihren Forderungen stets die israelische Souveränität und Demokratie herabwürdigen.

 Von der Militäraktion gegen Raketenbeschuss über die Ausgrenzung von Terroristen bis zum Wohnungsbau in der eigenen Hauptstadt, fordert jede Bewegung der Israelis einen internationalen Aufschrei hervor, in den die Europäer einstimmen.

 Dass es bei der Anteilnahme nie wirklich um das Verständnis des Nahostkonfliktes geht, wird daraus ersichtlich, dass trotz seiner viel beschworenen Bedeutung  für das Weltgeschehen  keine Anstrengungen unternommen werden, seine Hintergründe zu beleuchten. 

Die Auseinandersetzung mit der Hamas wurde erst interessant, als Israel angegriffen hat. Raketenterror war den Europäern immer nur eine Fusnote.  Dieses dekontextualisierte Interesse lässt das israelische Handeln stets als Aggression erscheinen und koppelt so bestätigend auf die antiisraelischen Ansichten zurück. Bei der Berichterstattung zu Gaza wurde die Vorgeschichte von der einseitigen Räumung bis zur Umwandlung des Küstenstreifens in Hamastan und der Beschuss israelischer Städte ausgeklammert.

Das Interesse an den Geschehnissen ist schlicht der Unterfütterung einer bereits festen Meinung geschuldet.

Neun tote Aktivisten an Bord der Mavi Marmara werden als neuester  Beleg für die Tötungsabsicht der Israels zitiert.

Wie der Schuldanteil von Palästinensern und Israelis an cast lead ständig umgekehrt proportional zu den Opferzahlen berechnet wird.  Propagandalogik. Hinsichtlich des Militäreinsatzes in Gaza bleibt hinter dieser Rechnung stets zurück, dass sich Israel vor seine angegriffene Bevölkerung gestellt hat, während Hamas sich hinter den Menschen in Gaza weggeduckt hat. Es gibt eine viel einfachere Gleichung als das Hantieren mit den Opferzahlen. Ohne Raketenterror der Hamas hätte es gar keine Militäroperation gegeben. Auch würde es heute keine Blockade des Küstenstreifens geben.

 Dass die Ereignisse hier im Nahen Osten meist vor dem Hintergrund einer bestimmten Anschauung interpretiert werden, lässt sich ideologiekritisch im Sprachgebrauch nachweisen. Hinsichtlich Israel haben sich eine Reihe von Begriffen durchgesetzt, die unreflektiert angewendet werden und stets schon  ein Urteil über den Sachverhalt beinhalten, den sie darstellen. In Begriffen drückt sich aus, wie etwas begriffen wird.

Ganz klassisch: Was bleibt zu diskutieren, wenn Israelis in Jerusalem illegal auf besetztem palästinensischen Gebiet bauen?

Ganz neu: Was bleibt zu diskutieren, wenn israelische Soldaten einen Hilfskonvoi mit Menschenrechtsaktivisten angreifen?

 Anhand der Berichterstattung über die Konfrontation zwischen der Solidaritätsflotte und der israelischen Marine zeigt sich, dass die Europäer nicht leichtgläubig islamistischer Propaganda auf den Leim gehen, sondern ihre eigenen Ressentiments pflegen. 

Schon im Vorfeld wurde das Angebot Israels, die Ladung in Ashdod abzuladen und über den regulären Versorgungsweg nach Gaza zu bringen, genauso abgelehnt, wie das Angebot der Familie Shalit, sich bei der israelischen Regierung für die Solidaritätsflotte einzusetzen, wenn dafür ein Päckchen an Gilad Shalit übergeben wird.

Wo blieb die Deutung der Widersprüche, die in der Ablehnung dieser Angebote durch die vermeintlichen Menschenrechtsaktivisten offensichtlich wurden? Wo blieb die Deutung des Widerspruches, der das krude Bündnis von Menschenrechtsaktivisten und Hamas umgibt?

Zahlreiche Videos, die inzwischen veröffentlicht sind, geben offensichtliche Hinweise darauf , dass die Israelis die Lage an Bord der Mavi Marmara völlig falsch eingeschätzt haben und sich in Erwartung max. zivilen Ungehorsams Einzeln mit Paintball Gewehren auf Deck abgeseilt haben. Deutlich wird in den Videos, dass die Aktivisten in totschlägerischer Absicht über sie hergefallen sind. Trotzdem wird das tragische Ergebnis von neun Toten nie ernsthaft der von den Aktivisten entfesselten Gewalt zugeschrieben. Mit der Konnotation, dass man es für durchaus möglich hält, dass die Israelis auf todbringende Aktivistenjagd gegangen sind und nicht wirklich eine unblutige Übernahme im Sinn hatten. Und das sagt viel darüber aus, wie Israel eingeschätzt wird.

Würde jemand das Bombardement von Kunduz so interpretieren, dass die Deutschen zur Belustigung der Truppe unzählige Zivilisten in Afghanistan umbringen liessen?

Es gibt Videos, die belegen, wie die Aktivisten die Gewalt vorbereiten. Es gibt die Aktivisten, die im Vorfeld bekundet haben, als Märtyer sterben zu wollen. Es gibt noch viel mehr. Einfach auf youtube Marmara eingeben. Dass die Bilder von der IDF freigegeben wurden, ändert nichts daran, dass sie in Ausschnitten zeigen, was passiert ist. Wie kann es trotzdem sein, fragen sich die Israelis, dass die ganze Welt gegen Israel ist?

 Vielleicht sollte man einmal die Artikel von Herrn Thumann ins Hebräische übersetzen, um dies beispielhaft aufzuzeigen. Die Frage, ob es sich bei den Organisatoren IHH um Radikalislamisten oder harmlose Helfer handelt beantwortet Michael Thumann mit harmlose Helfer. Als Grundlage dieser Einschätzung dient ihm ein Besuch im Vereinsheim. Dieses haben am selben Tag auch Journalisten der Maariv besucht und im Eingangsbereich der IHH eine übergroße Palästinakarte fotografiert. Eine Karte, auf der Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer reicht. Die muss Herr Thumann übersehen haben. Genauso, wie ihm einige Hintergründe über die IHH entgangen sein müssen. Yoram Ettinger sind sie nicht entgangen.

 Die Referenzbegriffe zu der Tragödie in der Zeit sind derweil bereits ausgebildet. Am 3.6. bereits beginnt der Artikel Gaza-Helfer wollen Israel trotzen mit “Die von Elitesoldaten angegriffenen Aktivisten…”

Nachdem die Geschehnisse ins Weltbild eingepasst wurden, wartet die Welt jetzt darauf, dass Israel von einer unabhängigen Kommission scharf verurteilt wird.

Wenn es Israel irgendwann plötzlich nicht mehr geben sollte, man müsste es der Welt zu Liebe umgehend wieder gründen.

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